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Joseph Haydns Schädel oder: ein Kapitel im Vorfeld der Hirnforschung

Autor: Prof. Dr. Rainer J. Wallerius, M.A.

Dass das Gehirn für den Menschen und seine besonderen Eigenschaften, für seine geistigen und kulturellen Leistungen, eine bedeutsame Rolle spielt, ist der Menschheit spätestens seit Beginn der Neuzeit und des fortschreitenden (natur)wissenschaftlichen Denkens bewusst geworden.

Den Forschern der Renaissance, die damit begonnen hatten, nachzuschauen, wie denn dieses Wunderwerk Gottes, der menschliche Körper, von innen aussehen mochte, und die dabei schon ein erhebliches Interesse an dem „Haupt“ des Menschen entwickelten, folgte lange Zeit erst einmal Unklarheit über das, was sich in diesem Kopf vorfand. Denn, während man im übrigen Körper unterschiedlich aussehende Teile fand und deren Funktion als „Organe“ allmählich immer besser verstehen konnte – schließlich ließ sich einer bestimmten Körperfunktion nachvollziehbar zuordnen, wenn jemand sagte, ihm „tue der Bauch weh“ – sah man im Inneren des Kopfes das Gehirn (was etymologisch auch nichts anderes bedeutet als „oben“, „Spitze“) nur als eine gräuliche, gallertartige Masse, die irgendwie an die zwei Hälften einer Walnuss erinnerte.

Bis heute sagt man zwar, man habe „Kopfschmerzen“ oder „Schädelweh“, so wie man sagt, das Knie schmerze einen oder der Rücken; aber es käme niemand auf die Idee zu sagen, „sein Gehirn tue ihm weh“. Immer bezieht sich diese Aussage auf den äußeren Teil, nie auf das, was da drinnen ist.

Die Vermutung, dass sich darin etwas abspielte, was mit geistigem Leben, mit Denken zu tun haben musste, gab es allerdings schon lange. Aber erst ganz allmählich schienen bestimmte Regionen dieser Masse bestimmte Funktionen zu beherbergen. Mehr aber auch nicht. Denn es waren keine Beobachtungen möglich, was genau – und wie – in dieser grauen Masse ablief. Dass hier der Sitz der Seele sei, wurde gemutmaßt; aber die Seele entzog sich nach herkömmlichem Verständnis ja der Möglichkeit, sie körperlich sehen zu können. Und so blieb der Innenraum des Kopfes, das Gehirn, lange so geheimnisvoll wie ein unerforschter Kontinent.

Aber die Neugier des Menschen an diesem Geheimnis oberhalb seines Rumpfes war geweckt. Je weniger man wusste, desto wilder die Spekulationen; und je fanatischer die Forscher, umso mehr Blüten trieb die Beschäftigung damit.

Lange bevor man überhaupt für möglich hielt, beobachten zu können, was im Gehirn passiert, wie „gedacht“ wird – diesen Zugang haben erst wir Heutigen dank der sogenannten „bildgebenden Verfahren“ der Computertechnologie, und auch das erst seit wenigen Jahren – etablierten sich verschiedene Richtungen, von denen die „Phrenologie“ diejenige war, die sich länger behauptete, die aber auch einige besonders uncharmante Blüten trieb.

Die Phrenologen gingen davon aus, dass sich Charakter, Begabungen, besondere geistige Eigenschaften, aber auch Normabweichungen, wie geistige Krankheiten und Kriminalität, in der Schädelform abbildeten. Wenn man schon nicht direkt an das kam, was drinnen geschah, so könnte man sich dem Geheimnis doch vielleicht nähern, indem man seine Ausformungen am Kopf erforschte und eventuell sogar Zuordnungen zu verschiedenen Verhaltensweisen vornehmen könnte. Man begann also mit einer Kartographierung der Schädeloberfläche und ordnete bestimmte Bereiche und Besonderheiten am Schädel bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen oder Verhaltensweisen zu; man ging eigentlich gut naturwissenschaftlich vor, indem man den Schädel vermaß und eine – insofern empirisch basierte – „Schädelkarte“ zu zeichnen versuchte. Später wurde dieses kartografische Verfahren auch auf das Innere des Kopfes, das Gehirn selbst, übertragen.

Von besonderem Interesse für die Überprüfung solcher Vermutungen waren natürlich die Köpfe von Menschen, die wahrnehmbar etwas Außergewöhnliches darstellten: Verbrecher, Geisteskranke und Genies. Konnte man an die Schädel von den beiden Erstgenannten noch eher herankommen, wenn man gute Beziehungen zur Gerichtsbarkeit und zur „Irrenpflege“ jener Zeit unterhielt, war kaum jemand bereit, seinen Schädel zur Verfügung zu stellen, der als herausgehobener Wissenschaftler oder Künstler galt. Aber echter Forschergeist lässt sich davon nicht abhalten.

So war der Umkreis um Franz-Josef Gall († 1828), einen bekannten Phrenologen der Zeit, besonders eifrig. Gall hatte einige Hypothesen aufgestellt; so meinte er z. B., dass sich starke Sexualität in einem „Stiernacken“ zeige, realistischer Tatsachensinn bilde sich in der Stirnform ab und besonderer Sinn für Töne und Musikalität in den Schläfen.

Als das Musik-Genie Joseph Haydn am 31. Mai 1809 starb, ließ es den Gall-Anhänger Joseph-Carl Rosenbaum nicht mehr ruhig schlafen. Da er auch noch Sekretär des Fürsten Esterházy war, bei dem Haydn in Dienst gestanden hatte und er Haydn selbst erlebt hatte, bestach er kurzerhand den Totengräber und einige Wiener Beamte und stahl acht Tage nach Haydns Beisetzung dessen Schädel aus dem Grab, um ihn zu untersuchen.

Ob sich die Hypothesen der Phrenologen hinsichtlich der Zuordnung von Genie und Wahnsinn zum Aussehen des Schädels bei Haydn verifizieren ließen, ist nicht bekannt… Jedenfalls dauerte es bis 1954 (!), bevor dessen Schädel mit den übrigen sterblichen Überresten Ruhe fand und in Wien-Eisenstadt endgültig bestattet werden konnte.

Der Schritt von der Phrenologie, sozusagen einer Vorläuferin der Gehirnforschung, zu den Zugängen, die sich uns heute im Rahmen der Magnetresonanz-, der Kernspintomographie und der Photonenmikroskopie bieten, erscheint wie ein Quantensprung, und dabei befinden wir uns erst am Anfang der neuen Möglichkeiten.

Davon demnächst mehr ...


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