Kämpfen an der Grenze
Autor: Karin Dölla-Höhfeld
Kämpfen an der Grenze des Möglichen (Teil 2)

Als ich die Sätze lese, laufen mir die Tränen herunter. So fühle ich mich: dem harten Winter ausgesetzt, in kargem Boden, die Wurzeln verzweifelt auf Felsen festgekrallt, die Wuchsform verkrümmt, die Rinde zerfetzt.
Nur unendlich langsam entwickelt, in hundert Jahren kaum mannshoch gewachsen. Mit unglaublicher Lebenskraft ausgestattet, voller Widerstand gegen die Unbilden des Lebens. Auch vom Blitz amputiert grünt und blüht der Baum unentwegt weiter:
„Seine Regenerationsfähigkeit ist erstaunlich. Solange noch ein Streifen lebender Rinde die Verbindung mit der Wurzel aufrechterhält, vermag er sich von den schwersten Verwundungen wieder zu erholen. Ist der Haupttrieb abgestorben, so übernimmt ein Ast dessen Aufgabe, richtet sich auf und lässt eine neue Krone wachsen, die nach Jahrzehnten wieder heidelbeerfarbene Zapfen trägt. ...
Selten ist es der Arve vergönnt, eine vollkommene Baumform auszubauen. Jeder Baum ist von seinem Einzelschicksal gezeichnet. ...
Die Arve ist ein Symbol für Widerstand und Anpassung, wie sie sich immer dort im höchsten Maß entfalten, wo Lebewesen an der Grenze ihres Lebensraumes auf die Grenzen des Möglichen stoßen.“1
Es ist, als wenn Gott zu mir spricht, mich tröstet, mich aufrichtet durch diesen Baum, der so zäh ist und immer weiter durchhält.
„Siehst du, so bist du. Du gibst auch nicht auf, durch die vielen Jahre bist du drangeblieben – am Leben, an mir. Du bist zerfetzt worden, aber es gibt immer noch Anteile, die mit mir verbunden sind und durch die ich dir meine Kraft, meine Nahrung geben kann. Und du grünst und produzierst Frucht. Wenn ein Weg verstellt war, bist du einen anderen gegangen. Du bist nicht „normal“, hast nicht das Durchschnittsschicksal, das übliche Leben, aber du bist einzigartig in deiner eigenen Schönheit. Du widerstehst den Stürmen und passt dich an die schwierigen Bedingungen an. Du bist eine Pionierin in der Kampfzone, eine Kämpferin an der Grenze des Möglichen. Ich gebe dir diese Lebenskraft.“
Zuhause lese ich im Lexikon, dass die Arve essbare Früchte, die Zirbelnüsse, produziert. Und dass ihr Holz besonders kostbar und begehrt ist, feinfaserig und ansprechend gezeichnet, besonders geeignet für Täfelungen. Ein Baum, der keine vollkommene Form hat, bringt nützliches und sogar schönes Material hervor. Über den Samen heißt es in dem Fotobuch, dass sich im Schutz des alten Baumes daraus die junge Pflanze, der frische Trieb entwickeln kann:
„...die ererbte Kraft lässt auch ihn über die wilde, harte Natur triumphieren.“1
Das erlebe ich. Immer wieder sagen mir Menschen in letzter Zeit, dass ein Wort, das ich gesagt oder geschrieben habe, etwas in ihnen bewirkt, sie gestärkt und aufgerichtet, ihnen Neues gezeigt hat. Dass sie korrigiert und ermutigt wurden und eine neue Perspektive in ihr Leben hinein kam. Oft sind es jüngere Menschen, die meine Geschwister oder Kinder sein könnten. Es erfüllt mich zutiefst, dass ich ihnen ein Erbe und auch Schutz geben kann, damit sie ein starker Baum werden können, ein Baum, der fähig ist, an der Grenze des Möglichen zu kämpfen. Und der dabei Nützliches und Ästhetisches hervorbringt,
auch wenn er nicht unbedingt schön gewachsen ist. Ein Baum, der seine Lebenskraft von Gott erhält und diese überall hin saugt, in jeden seiner Teile. Der sein individuelles Maß kennt und nicht mehr will, als ihm zugedacht ist. Der aber dieses Maß voll ausschöpft, in einer Weise, wie es ihm gut tut. Damit der Baum sein Existieren genießen kann. Damit er lebt - für sich selbst, und für andere.
Ich bin ein solcher Baum in der Kampfzone des Lebens.
Und ich will diese Wahrheiten lernen, verinnerlichen, sie in meinem Leben sich breit machen lassen, dass sie es völlig durchdringen. Damit Frucht entsteht, die bleibt.
1 Fritz Bachmann, „Naturparadies Schweiz“, Verlag DAS BESTE AUS READER´S DIGEST AG, Zürich
Karin Dölla-Höhfeld arbeitet als Coach für Beruf und Persönlichkeit und lebt mit ihrem Mann Günther Höhfeld in Essenheim bei Mainz.
Erschienen in der Zeitschrift Aufatmen, Ausgabe 3/2008
Autor: Karin Dölla-Höhfeld
Kämpfen an der Grenze des Möglichen (Teil 1)

Von Zähigkeit, Widerstand und Überleben im kargen Umfeld
Coaches wissen stets Bescheid, sind unerschütterlich und immer Herr der Lage. Nichts ist zu schwierig für Berater, sie stehen über den Dingen. Denkt man. Hofft man. Habe ich lange Zeit geglaubt.

