Kämpfen an der Grenze des Möglichen (Teil 1)

Von Zähigkeit, Widerstand und Überleben im kargen Umfeld
Coaches wissen stets Bescheid, sind unerschütterlich und immer Herr der Lage. Nichts ist zu schwierig für Berater, sie stehen über den Dingen. Denkt man. Hofft man. Habe ich lange Zeit geglaubt.
Ich arbeite seit über zehn Jahren als Coach. Und ich weiß inzwischen mit meinen fast 50 Jahren, dass diese Vorstellung nicht den Tatsachen entspricht, nicht entsprechen kann. Denn auch Coaches sind normale Menschen (was hatte ich nur früher angenommen?), die etwas nicht wissen, überfordert und hilflos sein können. Oder einfach ausgelaugt vom vielen Kämpfen im unwirtlichen Gebiet.
Im November 2006 kam ein längerer Prozess zum Höhepunkt: Lange Zeit hatte ich mich abgemüht, allen möglichen Anforderungen gerecht zu werden, die scheinbar da waren – im Beruf immer besser, immer bekannter zu werden; meine Berufung mehr zu leben und meine Visionen in die Realität zu holen; die Gesellschaft zu verändern (wenigstens im Kleinen) durch Schreiben, Reden, Singen und durch Projekte, die Gott den Menschen näher bringen sollten. Einen Gott, der Menschen erst einmal beschenken will mit seiner Gegenwart und Kraft, damit sie dann aktiv werden können. Erst nehmen, dann geben. Ich dachte, ich hatte das verstanden.
Ende 2006 merkte ich, dass ich das vom Kopf her wusste, aber dass ich nicht danach lebte. Jedenfalls nicht mehr.
Ich wollte nicht mehr...
Mit Mitte 40 kommt dann doch die berühmte Krise der Lebensmitte: War das alles? Wo ist die Erfüllung meiner Träume? Wieso wird alles so schwierig? Kann ich die Dinge noch so tun wie als 30-jährige? Wird das nicht albern? Wie aber sonst? Und wo ist mein früherer Elan?
Schon lange wollte ich nicht aus meiner eigenen Kraft leben und agieren, sondern aus Gottes Kraft. Mein Fehler war, dass ich irgendwann anfing, zu viele Aufgaben „wuppen“ zu wollen – die Organisation unserer kleinen Beratungsfirma, von Haushalt und ehrenamtlichen Engagements in der Gemeinde, einen eigenen Coaching-Ansatz erarbeiten, ein Buch schreiben, eine CD aufnehmen, mich um Hilfesuchende umsonst kümmern, die kein Geld haben, und Geld verdienen mit vermögenderen Coachees und Seminaren...
Die Ordnung und das Maß gingen flöten. Ich hechelte ständig allem hinterher und fühlte mich gleichzeitig von einem riesigen Berg an nicht zu bewältigenden Aufgaben bedroht. Ich hatte nichts mehr im Griff und war ohnmächtig.
Dann kam der Moment, nachdem ich etliche Tage verzweifelt versucht hatte, einem externen Veranstalter in der Gemeinde zu einem Raum zu verhelfen. Als dieser nach viel hektischer Telefoniererei dann absagte („Wir haben uns das noch mal überlegt, wir gehen doch in eine andere Gemeinde“) legte sich bei mir innerlich ein Schalter um. Ich saß im Sessel im Wohnzimmer, hielt den Telefonhörer in der Hand und fing an zu heulen. In diesem Augenblick wollte ich nicht mehr. Ich hatte genug. Invest über Invest, Versuche über Versuche, die dann doch scheiterten – Schluss damit. Eine große Kraftlosigkeit kam über mich, und ab da änderte sich alles. Ich hatte den Höhepunkt eines Ausgebranntseins erreicht.
Ironischerweise hatte ich immer wieder Klienten mit Burnout beraten, Workshops dazu gegeben, Artikel geschrieben. Das Wissen über die Gefahren des Ausbrennens hatte mich nicht davor bewahrt. Warum das so war, beschäftigt mich noch. Ich rannte sozusagen sehenden Auges in die Katastrophe. Mit professioneller Hilfe versuche ich dieses Scheitern aufzuarbeiten.
Kämpferin im Grenzgebiet
Eigentlich beginnt die Geschichte schon viel eher.
Mit 23 Jahren kam ein chronischer Erschöpfungszustand in mein Leben, der nie wieder verschwand. Von jetzt auf gleich hatte ich nur noch maximal 60 Prozent der Kraft zu Verfügung, die ich vorher hatte. Ärzte schauten mich nur ratlos an, Vitamine und andere Aufbaupräparate halfen nicht, Seelsorge und Gebet auch nicht dauerhaft, eine Ursache konnte nicht festgestellt werden.
Von da an lernte ich, eine Kämpferin im Grenzgebiet zu werden.
Da ich nicht aufgeben wollte, musste ich einen Weg finden, mit dieser Einschränkung zu leben. Es funktionierte relativ gut. Obwohl ich nie wieder einen normalen Zustand erreichte, konnte ich ein fast normales Leben führen. Selten war ich so richtig körperlich fertig. Vielleicht war genau das der Grund, dass ich irgendwann anfing, zu viel zu machen.
Ich habe inzwischen etliche Aufgaben abgebaut und nehme mir viel Zeit für Urlaub und Erholung. In den Tagen des Spätsommers 2007 war ich in der Schweiz, in den Bergen im Berner Oberland. Ein altes Bauernhaus in einem Bergdorf in 1.000 Meter Höhe, mit Traum-Rundumblick auf Mönch und Jungfrau im Schneekleid, bot mir ein Refugium. Niemand, der etwas von mir wollte, Ruhe ringsum, Zeit, die nicht schon angefüllt war – herrlich.
Der Druck fiel von mir ab, endlich. Ich konnte aufatmen, mich wieder spüren, die Natur bewusst wahrnehmen und genießen. Auf der Holzbank in der Sonne sitzen, nur Kuhglockengebimmel, und ab und zu in der Ferne das Klacken von Trekkingstöcken auf dem Bergpfad. Aufsaugen der fast überirdischen Schönheit der Wiese zu meinen Füßen, mit zwanzig, dreißig Felsbrocken wie zufällig hingestreut, dem Holzhaus und dem Brunnen, der beruhigend vor sich hin plätschert. Zu sich kommen. Sich sammeln. Neue Kraft erhalten.
Zurück in der Wohnstube mit den altertümlichen Möbeln fällt mein Blick auf das Bücherregal und auf ein Buch im Besonderen: „Naturparadies Schweiz“. Am Küchentisch blättern in dem Wälzer mit den vielen Fotos, die so schön sind, dass es fast schmerzt. Aufschlagen einer Seite mit der Überschrift „Kämpferin an der oberen Baumgrenze“, ein Bild eines Wurzelstocks und eines Baumes auf Felsgestein. Die Arve wird beschrieben, eine Zirbelkiefer, die über 1.000 Jahre alt werden kann und bis 2.500 Meter über dem Meeresspiegel wächst, hoch oben in den Bergen. Eine Überlebenskünstlerin an vorderster Front und in höchster Höhe,die nicht aufgibt.
Eine Durchhalterin in der Kampfzone, da, wo sonst nichts mehr wächst, zäh und unbeirrt.
Fortsetzung folgt...

