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Storytelling (Teil 1)

Storytelling gehört zum Wesen des Menschen

Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Dass er erzählt und dass von ihm erzählt wird, macht ihn erst zum Menschen. Erzählen ist Ausdruck seiner Identität. Es ist Ausdruck seines Bewusstseins, seiner Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen.

„Das ganze Leben ist eine Geschichte“, sagt Madeleine L`Engle, amerikanische Autorin zahlreicher Kinder- und Erwachsenen-Bücher. Leben kommt auf den Menschen zu, Szene um Szene. Leben stellt sich dem Menschen nicht wie eine mathematische Formel dar. Leben entfaltet sich – wie ein Drama, mit Anfang und Ende, mit allen erdenklichen Charakteren und Situationen. Jahr um Jahr vergeht. Manchmal erscheint das Leben als Tragödie, manchmal als Komödie, manchmal als Seifenoper. Doch was auch immer geschieht, Leben ist vor allem eins: eine Geschichte.

Dabei folgen alle großen Geschichten demselben Muster. Ob Märchen, Mythos oder Western: Am Anfang ist die Welt in Ordnung, dann geschieht etwas Furchtbares, und nun muss eine große Schlacht geschlagen oder eine gefahrvolle Reise unternommen werden. Und genau im richtigen Moment (in der Regel im allerletzten) erscheint der Held und bringt die Dinge in Ordnung. Damit kann das Leben noch einmal beginnen. Dieses Muster prägt jede Geschichte, ob Herr der Ringe, Titanic, Braveheart oder Star Wars.

Wie Story-Elemente wirken

Eingesetzt im Coaching, können Story-Elemente eine nachhaltige Wirkung erzielen. So wirken Story Elemente (1) Kontakt stiftend, kommunikativ und integrierend, (2) anregend und motivierend, (3) Horizont erweiternd, (4) Experimentierlust und Kreativität fördernd und (5) alle Sinne ansprechend.

Wozu Story-Elemente nutzen

Story-Elemente im Coaching haben einen Mehrfach-Nutzen. Sie ermöglichen (1) ein unmittelbares Erleben, (2) ein Beteiligen der Emotionen, (3) ein Beschleunigen beim Lernen und (4) ein Entdecken neuer Lösungen, Perspektiven, Möglichkeiten, Fähigkeiten und Talente.

Narratives und argumentatives Denken

Der in New York und Harvard lehrende Psychologe Jerome Bruner hat in den frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zwei große Herangehensweisen an die Wirklichkeit untersucht. Dabei hat er zwei zugrunde liegende Denkarten beschrieben und sie bezeichnet als „logisch-wissenschaftliches“ beziehungsweise „argumentatives“ Denken einerseits und „narratives“ Denken andererseits. Beide Denkarten liefern einen jeweils unterschiedlichen Zugang zur Welt. Beide sind notwendig, um die Welt, in der wir leben, zu verstehen und in ihr handeln zu können. Beide Arten zu denken, so Bruner, sind nicht gegeneinander austauschbar. Eine Geschichte ist nicht nur eine andere, etwas nettere Art, etwas auszudrücken, was sich auch rein argumentativ ausdrücken ließe. Umgekehrt ist eine Geschichte immer mehr als die Menge an Fakten. Sie ist nie vollständig übersetzbar in eine logische Schlussfolgerung oder eine Kette von Argumenten.

Bruner verdeutlicht auch, dass wir beide Arten zu denken brauchen, wenn wir uns in der Welt erfolgreich orientieren und bewegen wollen. Mit dem argumentativen Denken erfassen wir die Fakten und die allgemeinen Regeln und Gesetze der Welt. Mit dem narrativen Denken schaffen wir Zusammenhänge, Sinn, Orientierung und Visionen für die Zukunft. Mit dem logisch-wissenschaftlichen Denken entdeckte die Menschheit die Gesetze der Schwerkraft. Mit Geschichten wie der von Ikarus und Daedalus hielten sie den Traum vom Fliegen wach, bis es ihnen gelang, ihn zu verwirklichen. Argumentatives Denken ist notwendig, um die vielen kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Narratives Denken ist erforderlich, um die Frage zu beantworten, welchen Sinn das hat, was wir täglich tun. Wenn ich erst einmal dieses oder jenes erreicht habe, dann... – und schon sind wir in einer Geschichte gelandet.

Narratives und argumentatives Denken

Worin unterscheiden sich narratives und argumentatives Denken?
Was sind die Stärken und Schwächen der jeweiligen Art zu denken?
Nach den Forschungen von Jerome Bruner lassen sich folgende Ergebnisse zusammenfassen:


Narratives Denken...

 

... geht aus von (tatsächlichen oder möglichen)
Ereignissen und tendiert daher zur Konkretisierung

... enthält immer eine ganze Welt und stellt
Zusammenhänge zwischen Fakten, Emotionen,
Rahmenbedingungen, Einstellungen,
Handlungsweisen etc. her

... eröffnet Möglichkeiten


Argumentatives Denken...

 

... geht aus von Daten und Theorien und tendiert
daher zur Abstraktion

... konzentriert sich auf Einzelheiten und Teilaspekte
und stellt Zusammenhänge zwischen Fakten
und anderen Fakten her

... schafft Tatsachen

Neun Schritte im Storytelling

Schritt 1: Konstruieren Sie die Szenerie – Set the Scene

Erschaffen Sie zunächst den Kontext, in der Ihre Story angesiedelt ist. Was müssen die Zuhörer erfahren über Raum, Zeit, Atmosphäre und Rahmenbedingungen, damit die Story schlüssig rüberkommt? Welche Sinne sollen bei den Zuhörern angesprochen werden?

Schritt 2: Führen Sie die Charaktere ein – Introduce the characters

Kommen weitere Charaktere als Sie selbst in der Geschichte vor, so beschreiben Sie diese so, dass das Publikum sie vor seinem inneren Auge sehen kann. Alles, was relevant ist, um Ihre Beziehung zu den Personen zu veranschaulichen, gehört dazu. Beschreiben Sie eine spezielle Eigenart, die sie lebendig macht. Führen Sie die Charaktere aber erst dann ein, wenn sie in der Geschichte auftauchen.

Schritt 3: Beginnen Sie die Reise – Begin the journey

War es eine Reise von der Sicherheit in die Gefahr? Oder vom Bekannten ins Unbekannte? In anderen Worten: Was ist das Ziel oder die Aufgabe, um die es in der Geschichte geht? Sie muss nicht unbedingt tiefsinnig sein...

Schritt 4: Begegnen Sie dem Hindernis – Encounter the obstacle

Etwas oder jemand kommt Ihnen in die Quere oder hält Sie auf in Ihrem Fortschreiten. Was ist es? Stellen Sie sicher, dass Sie das Hindernis klar definieren, so dass es für das Publikum greifbar wird. Haben Sie kein Hindernis in der Geschichte, haben Sie auch keine kraftvolle Geschichte. Authentische Geschichten brauchen ein Hindernis.

Schritt 5: Bewältigen Sie das Hindernis – Overcome the obstacle

Nun kommt der Lernaspekt in die Geschichte. Wie haben Sie das Hindernis bezwungen? Analysieren Sie Ihren Gedankengang: Was haben Sie getan? Brechen Sie es herunter. Bringen Sie den Prozess von Gedanken, Entscheidungen, Reaktionen und Aktionen nacheinander rüber. Sie können sie dann in einem so genannten In-Moment aufdecken. Das ist der Moment, in dem Sie in Präsenz treten und die Story ausführen (acting out).

Schritt 6: Lösen Sie die Story auf – Resolve the story

Erzählen Sie nun, wie die Dinge ausgegangen sind. Greifen Sie die losen Enden der Geschichte auf und klären Sie alles auf.

Schritt 7: Kommen Sie auf den Punkt – Make the point

Was ist der Knackpunkt der Geschichte bzw. was haben Sie daraus gelernt? Achtung: immer nur einen Punkt pro Geschichte. Versuchen Sie, das Gelernte in eine griffige Phrase zu bringen.

Schritt 8: Fragen Sie das Publikum – Ask the question

Stellen Sie eine Frage, die den Knackpunkt der Geschichte, den Lernwert, zum Publikum transferiert. Es ist eine „DU-Frage“, das heißt, Sie sprechen das Publikum an mit „Was ist mit Dir?“, „Brauchst Du auch...?“, „Wann in Deinem Leben hast du schon...?“ oder „Wem musst Du vergeben?“.

Schritt 9: Wiederholen Sie den Punkt – Repeat the point

Wiederholen Sie den Punkt und nutzen Sie dabei dieselben Worte bzw. dieselbe Phrase wie unter Schritt sieben.

Fortsetzung folgt...


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